Konzept

In der chinesischen Kunstwissenschaft gibt es den Begriff „Training der kreativen Qualitäten des Schauspielers“.
Als Gabriel García Márquez im Jahre 2014 gestorben ist, dachte ich an „kreative Qualitäten“. Márquez hat als Journalist in einer Zeitung angefangen. Er blieb aber nicht Journalist, sondern wurde Magier; dementsprechend wird sein Stil dem Magischen Realismus zugeordnet.
Wir sprechen oft darüber, dass die Theaterinszenierungen „heutig, politisch und sozialkritisch“ sein sollen. Wenn ich das höre, denke ich an Zeitung und Journalismus.
Es trifft zu, dass die darstellende Kunst eine sehr dynamische Kunst ist. Sie wird von energischen, modernen Menschen gemacht, die in einer bestimmten Gesellschaft leben. Aus diesem Grunde dürfen wir nicht in festen Standards erstarren, sondern sollten experimentierfreudig sein. Die Neugier ist ja schließlich die Bewegungskraft unseres Berufs. Und wo die Neugier herrscht, da ist auch der Mut zum Experiment stark.
Mir reicht es allerdings nicht, wenn man ein konkretes politisches Ereignis zum Thema eines Theaterstücks macht. Mich interessiert vielmehr, wie man von der Zeitung zum Roman kommt.
Aus diesem Grunde kann ich mir einen Schauspieler nicht ohne „Mythisches Denken“ vorstellen, obwohl wir im Heute und Jetzt leben, in einer bestimmten Gesellschaft und in einer bestimmten politischen Situation. Dieses „Mythische Denken“ ist für mich nicht ein Relikt, nicht eine ethnographische Neugier, sondern ein sich ständig entwickelnder Prozess, dessen Wesen in Verbindung mit der Vergangenheit und Zukunftsvisionen steht.

Es geht mir nicht um kulturwissenschaftliches Wissen, sondern um eine immer wieder neue Suche nach der Stellung des Menschen in der Welt – oder nach der Gleichstellung des Menschen und der Welt. In gewissem Sinne geht es mir um einen möglichst großen Grad an Einheit, bei der Wort, Aktion, Fühlen, Denken, Geist, Subjekt und Objekt, der Anfang und das Ende, Vergangenheit und Gegenwart als Ganzes betrachtet werden. Diese lebendige Verbindung der Zeiten, die Verbundenheit mit der Natur und mit unseren vielfältigen Wurzeln ethnischer, ästhetischer und kultureller Art macht unsere eigene Identität in der modernen Welt aus.
Auf der Suche nach dieser Verbundenheit sollten sich Schauspieler als Forscher verstehen.

Diese Gedanken habe ich für mich vor längerer Zeit formuliert. Seitdem bin ich um einige schöne Erfahrungen reicher geworden. Sie haben viele meiner oben aufgeführten Überlegungen bestätigt. Z. B. habe ich mit alten griechischen Mythen gearbeitet, versuchte, den Stoff schauspielerisch spannend umzusetzen und mit kargen in­sze­na­to­rischen Mittel auf die Bühne zu bringen. Wir erzählten in der „Troja-Agonie“ eine Geschichte, die fast 3000 Jahre von uns entfernt liegt. Wir haben sie nicht „aktualisiert“ – und genau das bezeichneten viele unserer Zuschauer als sehr positiv.
„…Umsetzung ist direkt und gelungen, ohne ermüdende Aktualitätsverweise, ohne sich in Genre-Perspektive zu verlieren und ohne überflüssige elektronische Kasperei“, – schreibt uns ein Zuschauer.
…Die Aufführung ist klassisch und doch modern, ganz aktuell, modern ohne modernistische Gags, reduziert und konzentriert auf das Wesentliche“, – meint eine andere Zuschauerin.
Ich freue mich sehr über diese Briefe.

Irina Miller,
Ensemble Integral